Potosí - Bergbau, Schnaps und Dynamit

by / Samstag, 18 Juni 2016 / Schreiben Sie den ersten Kommentar! Publiziert in Bolivien
PotosiDas wir in unserem Leben einmal Dynamit kaufen werden, haben wir uns auch nie gedacht. Es sah zwar nicht so aus, wie man es aus Western Filmen kennt, aber es hatte die typische Stangenform. Aber wie kam es dazu?
Wir waren in Potosi gelandet, eine Mienenstadt in über 4000 m Höhe. Die Stadt gehört zu den höchstgelegenen Großstädten der Welt und dort gab es einmal die reichsten Silbermienen der Welt. Im 17. Jahrhundert war die Blütezeit dieser Stadt. da war Potosí wegen seines Silbers so bedeutend wie London, Paris oder Berlin. Diese Zeiten sind aber lange vorbei. Der größte Teil der Silbervorräte war bereits Ende des 19. Jahrhunderts ausgebeutet. Heute suchen die Arbeiter auf primitive weise nach den letzten Resten von Silber, Zinn und Blei. Die Arbeitsbedingungen und die Abbaumethoden haben sich kaum verändert, seit im Jahr 1545 Silber im Cerro Rico entdeckt wurde.
Rund um die Miene hat sich in Potosí ein reger Tourismus entwickelt. Es werden Touren angeboten, welche den Besucher mitnehmen in eine andere Welt untertage. Auch wir waren interessiert wie es dort aussieht und so buchten wir eine Mienentour. Mit unserem Guide, einem ehemaligen Minenarbeiter und 4 anderen Teilnehmern, machten wir uns früh morgens mit dem Bus auf Richtung Miene. Doch bevor es richtig los gehen konnte, mussten wir uns erstmal in Schale schmeißen. Neben den schicken und 5 Nummern zu großen Hosen und Jacken, gab es noch Gummistiefel, Helm und eine Lampe. So herausgeputzt begaben wir uns in die örtliche Marktstraße, in der man alles bekommen konnte, was das Mienenarbeiterherz höher schlagen lässt. Und das ist vor allem Schnaps, Dynamit und Kokablätter! Von unserem Guide erfuhren wir, dass es üblich ist, den Mienenarbeitern ein paar Geschenke mitzubringen und so kam es zu unserem Dynamitkauf. Wir gingen also shoppen und kauften die beliebtesten Geschenke. So landeten zwei Dynamitstangen (ohne Zünder und Zündschnur :-) ) , eine Flasche Schnaps, ein paar Kokablätter und eine große Flasche mit süßen Saft in unseren Mienensäcken. Nachdem wir uns umgezogen und Geschenke gekauft hatten, konnte es nun also losgehen.
Es gibt über 189 Schächte in dieser Miene und es arbeiten über 10000 Männer und leider auch Kinder dort. Diese Miene wird nicht von einer Privatfirma betrieben, sondern von einer Kooperative. Das bedeutet, dass die Männer nur allein für sich arbeiten. Alle Mineralien die sie zu Tage fördern, verkaufen sie an einen Großhändler und müssen 30 % ihres Gewinns abgeben. Meist arbeiten Vater, Söhne, Schwiegersöhne und Freunde zusammen in einem zugewiesenen Bereich der Miene und versuchen soviel wie möglich zu erwirtschaften. Kaum vorstellbar, dass die Männer bis zu 40 Jahre in der Miene arbeiten.
Vor dem Mieneneingang trafen wir die ersten Männer, die sich auf die Arbeit vorbereiteten. Und das bedeutet, zwei Stunden lang Kokablätter kauen und über die bevorstehende 8-stündige Schicht reden. Das kauen der Kokablätter lässt die Männer ihren Hunger, Durst und ihre Müdigkeit vergessen. Es ist ein Ritual vor jeder Schicht und so verkaut ein Arbeiter ein halbes Kilo Kokablätter pro Woche. Natürlich kauten auch wir Kokablätter, denn schließlich mussten wir ja auch unter Tage :-). Viel gemerkt haben wir allerdings nicht, dafür waren es zu wenige Blätter. Etwas taub wurde die Zunge aber dennoch. So "gestärkt" starteten wir unsere Tour und waren in kürzester Zeit schon mitten im Berg. Und was sollen wir sagen, es war anstrengend. War es zu Beginn noch angenehm kühl, wurde es immer wärmer, je tiefer wir kamen. Aufrecht gehen oder stehen konnten wir nur an den seltensten Stellen, zumeist gingen wir gebückt. Es war aber nicht so staubig, wie wir das gedacht hätten. Ganze 3 oder 4 Stunden verbrachten wir in der Miene. In dieser Zeit führte uns unser Guide zu verschiedenen Gruppen und gab uns einen sehr authentischen Einblick in das Arbeitsleben unter Tage. Ab und zu hörten wir Dynamit explodieren, gefolgt von kleinen Steinchen, die von der Decke fielen. Ein bisschen beängstigend, zumal die Sicherheitsvorkehrungen alles andere als sicher anmuteten. Im Gegensatz zu einer privat geführten Miene, nimmt man das bei solchen Mienen nicht so ernst. Atemschutz gibt es nur für die Gruppenleiter, für alle anderen ist dieser zu teuer und die Schächte sind wie bereits erwähnt, eng und schlecht gesichert. In privaten Mienen sind diese mindestens 2 m breit und 3 m hoch.
Nach einer guten Stunde hatten wir eine unfreiwillige, aber sehr amüsante Pause. Nachdem es nur kriechend weiter ging, entschied sich ein junger Kerl aus unserer Gruppe spontan die Tour abzubrechen, da er klaustrophobisch war. Wer um alles in der Welt macht eine Mienentour, wenn er Panik in engen Räumen bekommt! Unser Guide war also mit ihm auf den Weg nach draußen und wir währenddessen bei einer Gruppe, die ihren Feierabend feierte. Es war Freitag und an diesem Tag ist es üblich, nach der Schicht einen zu trinken. Hier war unser Schnaps ein ideales Gastgeschenk und wurde mit einem breiten Lächeln entgegen genommen. Da einer aus unserer Gruppe gutes spanisch sprach, kam auch ein angeregtes Gespräch in Gang und natürlich mussten wir mittrinken. Was wir bis jetzt vergessen haben zu erwähnen: Der Schnaps hatte 96 %! Wat mut dat mut :-). Was wir aber nicht geglaubt hätten, er war sehr bekömmlich. Kein brennen oder kratzen, ganz sanft glitt er unsere Kehle herunter. Wir könnten fast behaupten, dass er lecker war :-). So gestärkt ging es für uns nach knapp 20 Min weiter mit der Tour.
Die Tour war echt Spitze. Mit unserem Guide haben wir einen sehr authentischen Einblick in das Leben unter Tage bekommen. Aber wir waren auch echt froh, als es wieder raus ging. Man muss den Hut vor diesen Männern ziehen. Es ist wirklich ein Knochenjob. Leider haben sie aber auch ohne Schulbildung nicht viele andere Möglichkeiten oder eine Wahl.

 

Schreibe einen Kommentar

Bitte achten Sie darauf, alle Felder mit Stern * zu füllen. HTML-Code ist nicht erlaubt.